Die Körpersprache des Pferdes verstehen reicht nicht aus (2)

Wie schon in Teil 1 dieses Beitrags gesagt: Die Körpersprache des Pferdes verstehen ist in schwierigen Situationen zu oberflächlich.

Es gibt dabei nämlich zwei Probleme:

1) Wenn wir die Körpersprache des Pferdes beobachten, sehen wir immer nur das, was das Pferd uns zeigt. Was wirklich im Pferd vorgeht, können wir nicht sehen.

2) Das Beobachten und Interpretieren der Körpersprache eines Pferdes ist immer menschlich-subjektiv geprägt. Und das führt leider oft dazu, dass wir das Pferd nicht etwa verstehen sondern missverstehen.

Dafür möchte ich im Folgenden eingehen und einige Beispiele liefern.

Wie wir die Körpersprache des Pferdes lernen

Wer die Körpersprache des Pferdes lernen möchte, informiert sich meist im Internet, belegt einen Kurs oder liest ein Buch. Das ist völlig normal und verständlich, hat aber einen Haken: Auf diese Weise lernt man die Bedeutung eines bestimmten Verhaltens oder einer bestimmten Körpersprache wie Vokabeln.

Das sieht zum Beispiel so aus:

Pferdisch leicht gemacht“

Die Ohren des Pferdes

  • Bei leicht nach hinten geneigten Ohren ist das Pferd in der Regel entspannt.
  • Leicht zur Seite zeigende Ohren können bedeuten, dass dein Pferd döst oder sich langweilt.
  • Steil aufgerichtete Ohren bedeuten Interesse und volle Konzentration.
  • Eng angelegte Ohren bedeuten, dass das Pferd droht bzw. schlecht gelaunt ist.
  • Etc.

 

Die Körpersprache des Pferdes lässt sich nicht wie Vokabeln lernen.

 

Schweif

  • Ist der Schweif leicht angehoben und pendelt entspannt hin und her, geht es deinem Pferd höchstwahrscheinlich gut und es ist entspannt.
  • Wenn es den Schweif zwischen die Beine klemmt, ängstigt sich dein Pferd. Dann solltest du rasch die Ursache für die Angst eliminieren. (Aha – bloß woher weiß man, was diese Ursache ist?)
  • Schlägt das Pferd energisch mit dem Schweif, gibt es meist etwas, das es stört.
  • Bei angehobenem Schweif ist das Pferd meist in bester Laune und will spielen.

 

Beobachten ist schön und gut. Fragen ist besser.

 

Die Körpersprache des Pferdes lässt sich nicht wie Vokabeln lernen!

So gibt es für diversen Körperteile eine mehr oder weniger lange Liste von Signalen, die man lernen soll. Wie Vokabeln.

Verhalten X = Bedeutung Y

Häufig steht bei den Erklärungen der Pferdesprache etwas wie „meist“, „in der Regel“, „höchstwahrscheinlich“ oder „vermutlich“. Das zeigt, dass derjenige nicht behauptet, dass ein bestimmtes Verhalten immer die jeweilige Bedeutung hat (denn das hat es tatsächlich nicht). Aber es zeigt auch, dass „Pferdisch“ nur eine hilfreiche Interpretation und kein zuverlässiges System oder gar eine zuverlässige Sprache ist.

Die Körpersprache des Pferdes lässt sich nicht wie einzelne Vokabeln lernen. Je nach Situation kann ein und dasselbe Körpersignal etwas ganz anderes bedeuten!

 

Was wohl in diesem hübschen Pferdekopf vor sich geht?

 

Die offensichtlichen Dinge können täuschen

Ich möchte dir ein Beispiel geben, und zwar aus der Menschenwelt, weil wir die einfach besser kennen als die (Gedanken-)Welt der Pferde.

Stellen wir uns eine Gerichtsverhandlung vor, bei der ein Mann wegen Mordes an einer Frau angeklagt ist, weil auf der Überwachungskamera zu sehen ist, dass er in das Haus der Toten gegangen ist.

Es gibt also ein paar „eindeutige Dinge“ wie eine tote Frau und einen Mann, der zur Tatzeit vor Ort war.

Aber niemand würde hoffentlich auf die Idee kommen, ohne weitere Untersuchungen zu behaupten, dass der Mann die Frau ermordet hat!

Es wird eine Obduktion durchgeführt, um die Todesursache zu klären. Vielleicht war die Frau ja bereits tot, ehe der Mann in das Haus ging. Sie könnte Selbstmord begangen und einen Abschiedsbrief hinterlassen haben. Vielleicht war der Mann auch ein Einbrecher, der aber nichts mit dem Tod der Frau zu tun hat. Oder der Mann war ein lange vermisster Freund, und als er unverhofft vor der Tür stand, hatte die Frau vor Freude einen Herzinfarkt. Oder, oder, oder.

Bei jeder Gerichtsverhandlung wird (hoffentlich) akribisch recherchiert.

Man kann nicht einfach sagen: Tote Frau + Mann vor Ort = Mordfall

Bei Gericht gibt es keine solchen „Vokabeln“. Bei der Kommunikation mit dem Pferd sollte man ebenfalls keine voreiligen Schlüsse ziehen!

Falsch interpretierte Körpersprache des Pferdes

In hunderten von Pferdegesprächen stellte sich immer wieder heraus: Ein Pferd will mit seinem Verhalten oft etwas ganz anderes sagen als das, was der Reiter interpretiert. Hier gebe ich dir einige konkrete Beispiele.

 

Freudensprünge werden oft als Zeichen von Schmerzen fehlinterpretiert.

 

Buckeln muss kein Zeichen von Schmerzen sein!

Romeo war vor Kurzem ein Auge entfernt worden. Als Karin zum ersten Mal nach der OP wieder mit Romeo ins Gelände ging, fühlte sie sich etwas unsicher. Romeo musste sich erst daran gewöhnen, nur noch ein Auge zu haben und zögerte manchmal unverhofft.

Das Ausreiten klappte dann jedoch erstaunlich gut, und sie beschloss, auch zu galoppieren. Dann allerdings buckelte Romeo plötzlich!

Natürlich war Karin zunächst verunsichert, ob das Buckeln ein Zeichen von Schmerzen sei oder er ein Problem mit dem Rücken hatte. Aber weil sie ihm dank meiner Methode Fragen stellen konnte, erfuhr sie, dass ihrem Pferd nichts weh tat. Und auch der Sattel drückte nicht.

Romeo hatte vielmehr gerade richtig Spaß am Galoppieren und wäre gern schneller gerannt als Karin ihn ließ.

Ohne die Möglichkeit, direkt beim Pferd nachzufragen, hätte Karin sicher den Sattler und/oder Osteopathen gerufen. So jedoch konnte sie sich sofort entspannen und wusste, dass es Romeo gut ging. Er wollte einfach nur richtig rennen.

Abneigung gegen Kühe muss kein Zeichen von Angst sein

Bei einer Live-Demo musste Hauke etwas überlegen, welche Frage ich seiner Carlotta stellen sollte. Er hatte mit ihr keine Probleme, sondern nahm vielmehr aus Neugier teil und weil er sich schon länger wünschte, mit seinem Pferd sprechen zu können.

Hauke entschied sich für die Frage, warum Carlotta nie an einer Kuhweide vorbei gehen wollte. Sie schnaubte jedes Mal wie wild und ging trotz besten Zuredens (oder auch Schimpfens) nicht weiter. Hauke wollte gern wissen, ob sein Pferd Angst vor Kühen hatte, sich unsicher fühlte oder ob es einen ganz anderen Grund gab.

Wie sich herausstellte, hatte Carlotta weder Angst vor Kühen, noch fühlte sie sich unsicher. Ich fragte allerlei potenzielle Gründe ab und war allmählich etwas ratlos, wonach ich sie noch fragen könnte. Dann kam mir plötzlich eine Frage in den Sinn. Und die Antwort darauf war ein klares „Ja“.

 

Nicht immer verstehen sich Pferde so gut mit Kühen.

 

Carlotta fand, dass Kühe stinken! Deshalb hatte sie keine Lust an der Weide vorbei zu gehen und protestierte so vehement.

Ich erklärte Carlotta also, dass es im Schritt kaum mehr als eine Minute dauerte, an der Kuhweide vorbei zu gehen, im Trab wären es rund 30 Sekunden und im Galopp gerade einmal 15-20 Sekunden. Danach hätte sie die „Stinke-Kühe“ überstanden.

Dann bat ich Carlotta, Hauke zuliebe an den Kühen vorbei zu gehen. Sie war einverstanden.

Und am nächsten Tag konnte Hauke tatsächlich an der Weide vorbei reiten. Carlotta trompetete einmal missmutig, ging dann aber anstandslos an den Kühen vorbei, was sie zuvor jahrelang verweigert hatte.

Hauke war prompt überzeugt von meiner Methode, meldete sich zum Workshop an und kann inzwischen selbst mit seiner Carlotta sprechen.

Wenn Emotionsmüll die Körpersprache des Pferdes steuert

Die klassischen Missverständnisse, wie ich sie hier beschrieben habe, sind nur einer von zwei Hauptgründen, weshalb es nicht reicht, die Körpersprache des Pferdes zu lernen.

Eine weitere und viel kompliziertere Ursache ist Emotionsmüll. Was das ist und welche Folgen Emotionsmüll für das Verhalten eines Pferdes hat, ist vielfach unbekannt und wird extrem unterschätzt.

 

 


ÜBER DEN AUTOR

Autor

Max Mustermann

Max Mustermann ist Experte für Online-Marketing und hat bereits zahlreiche Projekte aufgebaut in denen er sein Wissen unter Beweis gestellt hat. In diesem Blog erfährst du mehr über seine Expertise.

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